22. Oktober 2020

Bahnhofsmission: „Ein offenes Ohr zu einer Tasse Kaffee“


Die Bahnhofsmission auf Gleis 5 des Saarbrücker Hauptbahnhofs unterstützt Reisende und Menschen in schwierigen Lebenslagen – und ist somit ein Stück gelebte Kirche am Bahnhof.

Bereits seit 1925 gibt es die Bahnhofsmission in Saarbrücken. Für Wohnungslose ist sie ein Zufluchtsort, Reisende verbringen hier ihre Wartezeiten und erhalten vielerlei Unterstützung durch die Ehrenamtlichen. Sie ist ein Ort der Begegnung und für Menschen in schwierigen Lebenslagen ein wichtiger Anker. Dies wurde während der coronabedingten Schließung deutlich.
An diesem Montagnachmittag bleibt die Bahnhofsmission geschlossen. Aufgrund der Corona-Pandemie kann Julia Schweitzer, Leiterin der Bahnhofsmission in Saarbrücken , nicht auf alle ihre Ehrenamtlichen zurückgreifen, um den Regelbetrieb aufrechtzuerhalten. Denn viele von ihnen gehören zur Risikogruppe. „Deshalb bin ich sehr froh, dass wir nun zumindest immer vormittags konstant geöffnet haben“, sagt sie, während sie durch die Räumlichkeiten führt.

27 Ehrenamtliche umfasst das Team von Schweitzer. Deren Tätigkeiten sind vielfältig. Hauptsächlich sind sie auf dem Bahnhof unterwegs. Sie unterstützen Reisende beim Fahrkartenkauf, geben Auskünfte zu Gleisänderungen, helfen beim Ein-, Aus- sowie Umstieg und bringen sie zu Taxi, Bus oder Saarbahn. Über das Angebot „Bahnhofsmission mobil“ werden zudem unter anderem Menschen mit Angststörungen oder einer Behinderung auf ihren Reisen begleitet. „Überall, wo Menschen Hilfe benötigen oder es Probleme gibt, sind die Ehrenamtlichen zur Stelle“, berichtet Schweitzer. Dazu gehört auch, dass sie bei Notfällen im Einsatz sind, Erste Hilfe oder Seelsorge leisten.

Reisende und Stammgäste profitieren voneinander
Während die Bahnhofsmission im Kern darauf abzielt, vor allem für Reisende da zu sein, gestaltet sich der Arbeitsalltag in Saarbrücken besonders in Zeiten der Corona-Krise anders. „Dass wir wieder offen haben, ist vor allem für die Gäste wichtig, die uns regelmäßig besuchen“, erläutert Schweitzer. Dazu zählten überwiegend Wohnungslose. „Wir sind für sie eine Art zweites Wohnzimmer und fest in ihrer Tagesstruktur verankert.“ Umso schlimmer sei für sie die zwischenzeitliche Schließung gewesen.

Seit Mitte Juni bekommen „Stammgäste“ und Reisende „nun endlich wieder ein offenes Ohr zu einer Tasse Kaffee“. Spannend zu erleben sei dabei der Austausch unter ihnen. „Die Reisenden merken vielleicht, wie schnell es abwärts gehen kann, werden reflektierter und demütiger.“ Für die regelmäßigen Besucher seien die Gespräche manchmal ein Sprungbrett. „Das Saarland ist klein. Die Reisenden kennen vielleicht jemanden, der helfen kann.“

„In der Bahnhofsmission fühle ich mich nicht als Außenseiter“
Treffpunkt für sie ist das Betonhäuschen an Gleis 5 des Saarbrücker Hauptbahnhofs. Beim Gang durch die Räumlichkeiten lässt Schweitzer das Licht aus. „Sonst sind wir enttarnt und es stehen ein paar Gäste vor der Türe“, sagt sie und lacht. Vieles hier ist neu – denn während der Corona-Schließung sind die Räume und das Inventar planmäßig auf Vordermann gebracht worden. Neben dem Aufenthaltsraum samt Bücherregal und Spielschrank gibt es eine kleine Küche, es stehen Wickelmöglichkeiten bereit, die Ehrenamtlichen haben ein kleines Büro mit Computer. Im Eingangsbereich hängen die derzeit geltenden Hygieneregeln. Und an einer Wand ein Bild mit handbeschriebenen Herzen. „Die Gäste haben hier notiert, was die Bahnhofsmission für sie bedeutet.“ Dort steht beispielsweise: „Begleitung und eine helfende Hand auf allen Wegen“ oder „In der Bahnhofsmission fühle ich mich nicht als Außenseiter“.

Bahnhofsmission als Seismograf der Gesellschaft
Die Menschen suchen die Bahnhofsmission aus verschiedenen Gründen auf. „Meistens sind es Alltagsprobleme, die sie plagen. Etwa: Wo bekomme ich etwas zu essen? Oder: Wo kann ich schlafen?“, führt Schweitzer aus. Für diese Menschen sei hier ein wichtiger Ort der Ruhe und Wertschätzung. „Hier werden keine Anforderungen gestellt.“ In der Regel würden viele Wohnungslose kommen. Im Moment seien zudem vermehrt EU-Bürger und Menschen aus Afrika anzutreffen. „Aufgefallen ist uns, dass mittlerweile mehr Frauen als früher kommen – und mehr Männer, die über Hunger klagen oder nicht mit ihrem Geld auskommen.“ In diesem Zusammenhang sei die Bahnhofsmission immer auch ein Seismograf der Gesellschaft. Man merke etwa, dass Menschen Hunger leiden, wenn sie hier oft ein Brot essen würden. „Und das hat sich seit 2017 verdoppelt.“

Überwiegend spendenfinanziert
Bereitgestellt wird dieses sogenannte „Notbrot“ kostenfrei von der Bäckerei Kamps, die am Bahnhof ansässig ist. Spenden sind ohnehin wichtig für die Mission, die sich überwiegend daraus finanziert – ob als Kaffee-, Brot- oder Geldspende. „Immer mal wieder bekommen wir auch eine originelle Spende. 2019 hat ein Kochteam beispielsweise zu Weihnachten Essen für unsere Gäste zubereitet. Und die Barber Angels schneiden kostenlos die Haare.“

„Ehrenamtliche sind mit viel Herzblut dabei“
„Die Arbeit macht viel Spaß – auch, weil die Ehrenamtlichen mit viel Herzblut und Energie dabei sind“, betont Schweitzer. Seit 2017 leitet sie die Geschicke der Bahnhofsmission als hauptamtliche Mitarbeiterin der Diakonie Saar . Ihr Team umfasst 27 Ehrenamtliche im Alter von Mitte 20 bis mehr als 80 Jahren. Sie arbeiten jeweils fünf Stunden in Zweierteams. Jenseits der Pandemie-Beschränkungen hat die Bahnhofsmission montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr und samstags von 8 bis 13 Uhr geöffnet. Über die aktuell gültigen Zeiten informiert ein Aushang am Fenster.

Für regelmäßige Gäste gibt es zwei Tassen gratis
Arbeitsbeginn ist morgens um 8 Uhr. Dann wird Kaffee gekocht. „Regelmäßige Gäste erhalten zwei Tassen kostenlos, bei Reisenden freuen wir uns über eine Spende“, erläutert Schweitzer. Der Zulauf sei groß, morgens würden teils bis zu 36 Personen vorbeikommen. „Im Moment haben wir aber nur zwei Stehtische für jeweils vier Personen. Und die Regel, dass jeder 20 Minuten bleiben darf.“ Apropos Corona und Regeln. Die würden derzeit für zusätzliche Arbeit sorgen. „Jetzt gilt es, unter anderem Anwesenheitslisten zu führen und mehr zu desinfizieren.“

Schweitzer hat beobachtet, dass die Corona-Situation die Gäste verändert. „Viele sind frustrierter, haben eine geringere Zündschnur, wegen der Behörden.“ So gehe etwa im Jobcenter oder bei der Wohnungssuche wenig voran. „Das macht sich vor allem bei denjenigen bemerkbar, die kein Handy oder keinen Internetzugang haben.“ Schließlich könnten sie so niemanden erreichen, häufig müsse man zurzeit online Termine vereinbaren. „Ihre Kontaktstellen fallen weg und damit auch Sicherheit und Unterstützung.“

24 Bahnhofsmissionen unter Dach der Diakonie
Die erste Bahnhofsmission ist vor 126 Jahren in Berlin von Pfarrer Johannes Burckhardt gegründet worden. Etwas jünger ist die 1925 eröffnete Bahnhofsmission in Saarbrücken, die wie viele andere ökumenisch geführt wird – neben der federführenden Diakonie ist noch die katholische Caritas beteiligt. „Sie ist eine von 24 Bahnhofsmissionen, an denen die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe beteiligt ist“, weiß Karen Sommer-Loeffen, Geschäftsführerin des Fachverbandes der Evangelischen Bahnhofsmission der Diakonie RWL . Im Kern sei die Arbeit überall dieselbe, jedoch gebe es durchaus unterschiedliche Profile. „In Essen gibt es eine inklusive Bahnhofsmission, drei Männer mit leichter geistiger Behinderung arbeiten dort im Team mit“, erläutert Sommer-Loeffen. In Aachen liege der Schwerpunkt bei wohnungslosen Frauen. Während in der Regel Ehrenamtliche mitarbeiteten, seien etwa in Wuppertal und Solingen Menschen aus Beschäftigungsmaßnahmen im Einsatz.

„Ein Stück gelebte Kirche am Bahnhof“
Beeindruckt war Sommer-Loeffen während des Lockdowns, dass einige Bahnhofsmissionen dennoch geöffnet blieben – darunter Duisburg und Essen. „Für viele Wohnungslose war das die letzte Rettung.“ Das zeige auch den Stellenwert dieser Zufluchtsorte. Dem stimmt Schweitzer zu. Für die Antwort auf die Frage, warum die Bahnhofsmission wichtig ist, muss sie nicht lange überlegen. „Sie ist eine Anlaufstelle sowie Hilfe bei diversen Problemlagen und damit ein Stück gelebte Kirche am Bahnhof.“

EKiR/Andreas Attinger

 





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